Berühmte Geschichten

Momente, in denen Einzelne die Geschichte kippten

Große politische Veränderungen beginnen oft klein: mit einer Weigerung, einer Rede, einem Marsch. Diese Geschichten zeigen, dass Politik nicht nur in Parlamenten passiert.

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
1918/1919

Das Frauenwahlrecht in Deutschland

Nach jahrzehntelangem Kampf der Frauenbewegung verkündete der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 nach der Novemberrevolution das allgemeine, gleiche Wahlrecht für Frauen. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 durften Frauen erstmals wählen und gewählt werden: 82 % der wahlberechtigten Frauen gingen zur Wahl, 37 von 423 Abgeordneten waren Frauen. International war Deutschland damit vergleichsweise früh dran — in der Schweiz zum Beispiel dauerte es bis 1971.

1930

Gandhis Salzmarsch

Um gegen das britische Salzmonopol in Indien zu protestieren, marschierte Mahatma Gandhi mit wachsender Gefolgschaft 24 Tage lang rund 390 Kilometer zur Küste, um dort eigenhändig Salz aus Meerwasser zu gewinnen — ein bewusster, gewaltfreier Gesetzesbruch. Die Aktion machte den gewaltfreien Widerstand ("Satyagraha") international bekannt und wurde zu einem der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur indischen Unabhängigkeit 1947.

1942–1943

Die Weiße Rose

Eine kleine Gruppe von Studierenden um Sophie und Hans Scholl schrieb und verteilte in München heimlich Flugblätter gegen das NS-Regime — zu einer Zeit, in der offener Widerstand mit dem Tod bestraft wurde. Im Februar 1943 wurden Sophie und Hans Scholl beim Verteilen von Flugblättern an der Universität München entdeckt, verhaftet und wenige Tage später hingerichtet. Sie waren beide Anfang zwanzig. Die Weiße Rose gilt bis heute als eines der bekanntesten Symbole für zivilen Mut gegen eine Diktatur.

Kalter Krieg & Bürgerrechte
1955

Rosa Parks und der Busboykott von Montgomery

Als die Schwarze Näherin Rosa Parks sich 1955 in Montgomery, Alabama, weigerte, ihren Bussitzplatz für eine weiße Person zu räumen, wurde sie verhaftet. Ihre Weigerung war kein spontaner Zufall — Parks war bereits Aktivistin — und löste einen 381 Tage langen Busboykott der Schwarzen Bevölkerung aus, organisiert unter anderem von einem jungen Pfarrer namens Martin Luther King Jr. Der Boykott zwang die Stadt wirtschaftlich in die Knie und endete mit einem Gerichtsurteil, das die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig erklärte. Ein Wendepunkt der US-Bürgerrechtsbewegung.

1962

Die Kubakrise

Als die USA sowjetische Atomraketen auf Kuba entdeckten, standen die beiden Supermächte 13 Tage lang am Rand eines Atomkriegs. In letzter Minute einigten sich US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow: Die UdSSR zog ihre Raketen ab, im Gegenzug sicherten die USA zu, Kuba nicht anzugreifen, und entfernten heimlich eigene Raketen aus der Türkei. Bis heute gilt dieser Moment als der gefährlichste des gesamten Kalten Krieges.

1963

Der Élysée-Vertrag

Nur 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs unterzeichneten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle einen Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und Frankreich — zwei Ländern, die sich zuvor in drei großen Kriegen bekämpft hatten. Der Vertrag gilt als Fundament der deutsch-französischen Aussöhnung und damit auch als eine der Grundlagen für das heutige, geeinte Europa.

1968

Der Prager Frühling

Unter Parteichef Alexander Dubček versuchte die Tschechoslowakei 1968, den Kommunismus zu reformieren — mehr Pressefreiheit, mehr Mitbestimmung, "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Am 21. August 1968 beendeten Panzer des Warschauer Pakts unter sowjetischer Führung den Versuch gewaltsam. Der Prager Frühling zeigt: Nicht jede politische Reformbewegung setzt sich durch — trotzdem blieb er ein Vorbild für spätere Freiheitsbewegungen in Osteuropa.

1970

Willy Brandts Kniefall von Warschau

Bei einem Staatsbesuch in Warschau kniete der westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt spontan und ohne Ankündigung vor dem Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. Eine Geste ohne Worte, die stellvertretend um Vergebung für die NS-Verbrechen bat. Das Bild ging um die Welt und gilt bis heute als einer der stärksten symbolischen Momente deutscher Nachkriegsdiplomatie — und als Wendepunkt in der deutsch-polnischen Annäherung.

1989 — das Jahr, das alles veränderte
Juni 1989

Die Proteste am Tian'anmen-Platz

Wochenlang versammelten sich Studierende und Millionen weitere Menschen in Peking und anderen chinesischen Städten, um friedlich für Demokratie, Pressefreiheit und ein Ende der Korruption zu demonstrieren. In der Nacht zum 4. Juni 1989 ließ die chinesische Führung das Militär mit Waffengewalt gegen die Protestierenden vorgehen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute unbekannt, Schätzungen reichen von mehreren Hundert bis zu Tausenden. Öffentliches Erinnern an die Ereignisse ist in China bis heute verboten — ein Beispiel dafür, dass friedlicher Protest nicht immer zum Erfolg führt, und dass Erinnerung selbst zum politischen Streitpunkt werden kann.

August 1989

Das Paneuropäische Picknick

An der ungarisch-österreichischen Grenze veranstalteten oppositionelle Gruppen am 19. August 1989 ein Picknick, bei dem ein Grenztor für drei Stunden symbolisch geöffnet wurde. Hunderte DDR-Bürger:innen nutzten den Moment zur Flucht in den Westen. Wenige Wochen später, am 11. September 1989, öffnete Ungarn seine Grenze dauerhaft — einer der Dominosteine auf dem Weg zum Mauerfall, der im Schatten des berühmteren 9. November oft vergessen wird.

November 1989

Der Fall der Berliner Mauer

Fast 30 Jahre lang teilte die Berliner Mauer eine Stadt, ein Land und eine Familie von der anderen. Im Herbst 1989 gingen in der DDR Woche für Woche mehr Menschen auf die Straße — allen voran bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig — und forderten friedlich Reisefreiheit und Reformen. Am 9. November 1989 verkündete ein DDR-Funktionär bei einer Pressekonferenz missverständlich, dass Reisen "ab sofort" möglich seien. Noch in derselben Nacht strömten Zehntausende an die Grenzübergänge, bis die überforderten Grenzsoldaten die Schranken öffneten. Es war eine der seltenen Revolutionen der Geschichte, die fast ohne Gewalt gelang.

Nach dem Kalten Krieg
1990–1994

Nelson Mandelas Freilassung und das Ende der Apartheid

Nach 27 Jahren Haft wurde Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen. Statt Rache zu fordern, setzte er sich für Versöhnung ein und verhandelte gemeinsam mit der weißen Minderheitsregierung das Ende der Apartheid — dem staatlichen Rassentrennungssystem Südafrikas. 1994 wurde er bei den ersten freien Wahlen, an denen auch die Schwarze Bevölkerungsmehrheit teilnehmen durfte, zum ersten Schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.

2008

Barack Obamas Wahl zum Präsidenten

Mit seinem Sieg am 4. November 2008 wurde Barack Obama der erste Schwarze Präsident der Vereinigten Staaten — in einem Land, in dem noch rund 50 Jahre zuvor Rassentrennung gesetzlich vorgeschrieben war. Seine Kampagne unter dem Slogan "Yes We Can" mobilisierte besonders viele junge und bis dahin politisch wenig aktive Wähler:innen und gilt bis heute als eines der einflussreichsten Beispiele für digitalen Wahlkampf und Graswurzel-Mobilisierung.

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